Rückblick 35. Musikfest 2014

02-WarsawVillageBand 054Kontrapunkte in Waidhofen

 

Das Festival im hohen Norden Österreichs, kann, trotzdem es sowohl geografisch als auch von Medieninteressenseite her eher abgelegen und weit von Metropolen entfernt ist, auf Parameter zurückgreifen, die wohl eine Einzigartigkeit in Österreich, wenn nicht sogar europaweit, darstellen. Nicht etwa Besucherrekorde oder Headliners fungieren als Richtlinie, bei diesem Festival zählen komplett andere Parameter.

 

 

werle thayabuehne 122Welches Festival kann von sich behaupten, dass es auf 320 freiwillige Mitarbeiter zurückgreifen kann? Kein einziger, vom Müllsäcke-Schlepper über Geschirrwäscher bis zum Programmgestalter, erhält einen Cent, so etwas muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Und dass hier ein ganzes Jahr Vorbereitung ist, wird sowieso als logisch vorausgesetzt. Ein weiterer „Zungenzergeher“ ist es, wenn man bedenkt, dass die Veranstalter nicht einen Euro  von öffentlicher Hand erhalten, weder vom Bund noch vom Land. Aber immerhin, die örtliche Gemeinde unterstützt die Veranstaltung, so gut es geht, speziell in arbeitstechnischer Hinsicht, denn das Geld in der Gemeindekassa ist knapp bemessen. Zwei weitere positive Indices sind das wunderschöne Festivalgelände, direkt am Thayafluss gelegen und mit integriertem Campingplatz, das nur 5 Minuten Gehweg vom Stadtzentrum entfernt ist und trotzdem eine Idylle ausstrahlt, als wäre man in den Swamplands des Mississippi.

 

05-AlegreCorreaQuintet 094Das alles zieht ein Publikum an, das der Veranstaltung großteils seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, die Treue hält. Und von Nachwuchsproblemen bei der jüngeren Generation ist keine Rede, hat man doch schon vor 20 Jahren erkannt, dass Kinder die Zukunft sind und eine eigene Gratis-Kinderinsel installiert, die sich um die Kleinsten kümmert: Hier wird getanzt, gespielt, gemalt, und die Eltern genießen einstweilen die Konzertatmosphäre in der alten Holzbadehütte aus den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Und heuer, zum 35jährigen Jubiläum, war man so clever und führte eine 2. kleine und feine Bühne, direkt an der Thaya gelegen, für das Publikum ein. Die Bühne wurde von jungen Leuten der Region, speziell dem Verein Salon Ditta (ja, das sind die Erdäpfel!) mitorganisiert und betreut. Clever insofern, da man hier neues, junges Publikum mit vielen jungen Songwritern anlockte.

Und dieses bunt gemischte Publikum, das drei Tage lang aus den unterschiedlichsten Motiven ein „Happening“ genießt, führt uns zum letzten wichtigen Parameter, der bei gewissen „Musikpolizisten“ überhaupt nur mehr Kopfschütteln hervorruft, nämlich dem Musikprogramm.

 

Und somit sind wir beim Kern des Festivals, nämlich der Musik. Wenn in einem Festival eine Band wie Elektro Guzzi, die international in den letzten drei Jahre reüssiert hat, ihren genialen Live-Techno vor vollem Haus zum Besten gibt, und am nächsten Tag u.a. das fragil sensibel und genial spielende Jazz-Gitarren-Vokal-Duo Tuck & Patti auftritt und beide frenetische Ovationen erhalten, dann kommt man irgendwie zur pragmatischen Schlussfolgerung: in Waidhofen „geht sich das anscheinend aus“. Natürlich ist das Publikum bei ersterer Band einige Jahre jünger, bei zweiterer vielleicht unaufgeregter, besonnener. Emotionen und die Verbeugung vor musikalischer Qualität haben beide Bands bei ihrem jeweiligen Publikum gemeinsam. Das scheint auch das Konzept der Veranstalter zu sein, es bedient ein Potential an hoch musikinteressierten Besuchern, die sich ihre favorisierten Musikbands gerne anhören, aber auch neugierig über den Tellerrand des andersartigen schauen.

 

01-Transceivers 144Gleich zu Beginn des Festivals wecken die gitarrenlastigen Sounds eines Sado Maso Guitar Clubs die gerade ankommenden Besucher, der quasi Zapfenstreich ist gelungen. Die darauf folgende neue World Music Band Transceivers trumpft mit Können und dem Charme der Sängerin Su Rehrl auf. Gefinkelt arrangierte Musik aus Europa, Lateinamerika und Skandinavien wird zu einer interessanten Fusion. Bei dieser Band ist in den nächsten Jahren mit Sicherheit noch einiges zu erwarten. Bereits alte Haudegen sind die Musiker der Warsaw Village Band, die zum ersten Mal im Thayapark auftreten und eigens per Bus von Warschau angereist sind. Archaischer, dreistimmiger Gesang polnischer Volksmusik im modernen Outfit, verquickt mit manchmal fast psychodelischen Sounds, versetzt die Zuhörer in Staunen. Und danach die bereits erwähnten Elektro Guzzi zum Abschluss des Freitagabends. Ein Paukenschlag der etwas anderen Art, Abtanzen und Trancezustände sind hier gleichermaßen vertreten.

 

08-HarriStojka Gitancoeur 023Am Samstagnachmittag, zur Eröffnung des zweiten Festivaltages, ist die Bühne frei für die Folkclub 79ers, eine extra für das 35jährige Festivaljubiläum zusammengestellte Band aus lokalen Musikgrößen. Ihr Credo lautete, alte Hits aus dem Gründungsjahr 1979 in jazzig-groovige Gewänder zu stecken. Gelungen und köstlich zugleich. Zappas „Bobby Brown“ sollte hier nicht unerwähnt bleiben. Gleich anschließend gibt es immerhin ein Drittel der Zawinul-Band zu hören, wenn das Alegre Correa Quintet mit Bassist Alune Wade auftritt. Beide wurden extra für diesen Auftritt eingeflogen, Corrêa von Brasilien, Alune Wade aus Paris. Und gemeinsam mit Gerald Preinfalk (sax), Fagner Wesley (piano) und dem 19jährigen Jungtalent Matheus Jardim (drums) legten sie ein fantastisches Konzert hin, Corrêas Kompositionen und die solistischen Sonderleistungen der Musiker avancierten zum ersten Höhepunkt des Festivals. Es sollten aber noch zwei weitere Gitarren-Heroen folgen, nämlich das bereits erwähnte Jazz-Duo Tuck Andress /Patti Cathart, das eine eigene Liga für sich war und ein stimmungsgeladenes, fragiles Gerüst an Stimmakrobatik und Gitarrenkunst hinlegte, und dann noch Harri Stojka mit seinem Ensemble Gitancour d‘ Europe. Ein Feuerwerk an Musikalität, Energie, Lebensfreude und Rhythmus brachte die alte, ehrwürdige Badehütte zum Grooven. Roma-Musik aus ganz Europa war angesagt. Und selbst der Gitarren-Meister himself, den man als eher introvertierten Gitarrenkünstler kennt, tanzte ausgelassen und ließ sich vom Publikum zu immer neuen Höhen vorwärtstreiben. Ein bemerkenswerter Gesamteindruck! Zum Finale des 2. Festivaltages erfolgte ein Schlenker in Pop/Rock Gefilde, als die österreichischen Altmeister Naked Lunch ihren melodiösen Indie-Rock gediegen vortrugen. Wiederum ein Kontrapunkt zur vorhergehenden Band. Doch nicht minder interessant. Irgendwie fast ein Novum. Aber durchaus gelungen.

 

Tag drei beginnt traditionell mit einer Matinee, die heuer der Wiener Tschuschenkapelle gewidmet ist. Ein Ensemble, das seit 20 Jahren nicht mehr in Waidhofen residierte, fast eine leichte Blamage, passt die Balkan-Formation mit Frontmann Slavko Ninic doch wie die berühmte Faust aufs Auge nach Waidhofen, nämlich mit hoher musikalischer Qualität, Herzlichkeit und immer mit einem Schuss Humor versehen, Ingredienzien, die genauso das Waidhofner Festival charakterisieren.

11-MarilynMazur NilsPetterMolvaer 131Während nach dem Frühschoppen auf der Hauptbühne für Marylin Mazur’s Spirit Cave umgebaut wurde, gab es auf der neuen Thaya-Bühne eine Theatervorstellung für die jüngsten Besucher des Festivals. Das Jazzereignis des 21. Jahrhunderts, wie Marylin Mazur (Perkussion), Nills Petter Molvaer (Trompete), Eivind Aarset (Gitarre) und Jan Bang (Electronics) ihre Musik bezeichnen, war mit viel Spannung erwarten worden. Spirit Cave ist ein klassisches Projekt, das nur einige Male im Jahr exklusiv auftritt. Klangmuster, Improvisationen, das gegenseitig aufeinander Eingehen stehen im Mittelpunkt. Es gibt bewusst keine Proben und auch keine Absprachen. Die dadurch kreierten Sounds waren freilich an Spannung kaum zu überbieten. Manchmal unnötigerweise zu laut, was Mazur nach dem Konzert sogar bestätigte, doch PA-Soundmixer haben oft ihre eigenen Vorstellungen. Nach diesen konzentrierten Klängen folgte eine bewusste Drehung zur locker swingenden Tonkunst des Maurizio Geri Swintet aus Italien. Locker ist in dem Fall nicht mit einfach zu verwechseln, doch der Swing a la Django Reinhardt, vermischt mit italienischem Liedgut, war der optimale Gegensatz zum vorherigen Projekt.

Zum Abschluss des Jubiläumsfestivals war der Blues angesagt, der diesmal fast ein wenig zu kurz gekommen war. Meena Cryle & The Chris Fillmore Band aus Österreich, international bereits bekannter als im eigenen Land, wirbelten nochmals ordentlich Blues-Staub auf. Sängerin Meena Cryle, die des Öfteren mit Janis Joplin verglichen wird, und Gitarrist Chris Fillmore zogen das Publikum in ihren Bann. Zwei Stunden Blues, mit manchen Ausritten in Songwriter- und Country-Bereiche, überzeugten großartig, ohne je pathetisch zu werden. Viel zu wenig wird diese Art von Musik in Österreich von den Medien wahrgenommen. Zum Glück hat die Zuhörerschaft andere Wahrnehmungen. The Blues will never die, ist das Credo. Umgemünzt auf Waidhofen, muss das Credo für die Zukunft lauten: Lang lebe das Waidhofner Musikfest!

 

 

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