Musikfest 2012 - Rückblick


Fotos von Peter Purgar

Müsste bzw. könnte man aufgrund des Datums 29. Juni bis 01. Juli (Schulschluss in Teilen Österreichs) Noten vergeben, bliebe für die drei Hauptkategorien Programm, Organisation – Gastro und Wetter wohl nur die Note 1 als Möglichkeit über.

Ist dies für die beiden ersteren Kategorien nichts Neues, spielte heuer auch das Wetter perfekt mit. Die einsetzende Hitzewelle in Österreich sorgte zwar tagsüber für teils drückende Temperaturen, aber die Belohnung folgte mit im Waldviertel nicht gerade üblichen lauen Nachttemperaturen prompt. Sonst oft bitter benötigte Zusatzausstattung wie Pullover, Fleecejacken oder Ähnliches konnte getrost eingepackt bleiben.

Die Organisation und leibliche Versorgung der Besucher funktionierte wieder perfekt, und ja, es ist ein großer Unterschied, ob man ein Bier gezapft im Glaskrügel oder ein Grillhuhn bzw. eine Forelle vom Holzkohlengrill auf Teller mit Besteck essen kann. Dies und weitere lukullische Feinheiten sorgen Jahr für Jahr für ein spezielles Flair.

 

Das musikalische Programm präsentierte sich wieder vielschichtig, innovativ am Puls der Zeit und sehr ausgewogen im Mix von arrivierten Künstlern, Newcomern und auch hervorragenden Formationen, die in Österreich bisher noch weniger bekannt sind.

 

Für ein frühes Highlight am Freitag sorgten die Schotten Breabach, die mit ihrem treibenden Folk ausgelassene Stimmung hervorriefen und zu Recht als eine der heißesten Newcomer der Inseln gelten. Georgie Fame bot an der Hammond B3 in Begleitung seiner beiden Söhne ein äußerst solides Potpourri seines Schaffens, die frühen Nummer 1 Hits „Yeh Yeh“ und „Bonnie and Clyde“ durften da natürlich nicht fehlen. Den Abschluss am Freitag besorgten die Local Heroes Freischwimma.

 

Der Nino aus Wien wurde am Samstag seinen Vorschusslorbeeren mehr als gerecht, ehe Peter Madsen mit seinem CIA Trio die Jazzliebhaber zur vollsten Zufriedenheit allerfeinst bediente. Melancholisch verspielt präsentierten sich die vier portugiesischen Akkordeonisten Dancas Ocultas, bevor Fred Wesley mit seinen New JBO´s zur Funk-Jazz Attacke ausholte. Man durfte sich im Vorfeld von Wesleys Auftritt einiges erwarten, dass er bzw. seine hochklassige Begleitband jedoch mit dermaßen Spaß und Spielwitz an die Sache herangingen und dem Publikum richtig Gas gaben, einheizen war temperaturbedingt ja nicht notwendig, passte perfekt. Die tanzbaren Rhythmen der traditionellen kubanischen Formation Septeto Santiaguero setzten dem Samstag einen würdigen musikalischen Abschluss.

 

Den mittlerweile legendären Sonntagsfrühschoppen bestritt passend 5/8 in Ehr´n, und nach dem Kinderprogramm sorgte das japanisch-argentinische Quartett Gaia Cuatro für höchsten Hörgenuss. Virtuos mit spielerischer Raffinesse, mal reduziert dann wieder extrovertiert, begeisterte das Quartett mit seinen Erkundungsreisen an und über die Grenzen von Jazz und Worldmusik. Den Blueshammer ordentlich ausgepackt hat im Anschluss daran Sharrie Williams mit ihren Wise Guys. Rotzfrech drückend donnerten die Guys mit ihren Blueslines über das Gelände, und Sharrie Williams, nicht gerade die Größte und dennoch deutlich im dreistelligen Gewichtsbereich, wirbelte energetisch über die Bühne und brillierte mit ihrer prägnanten Stimme. Großartig! In doppelter Konkurrenz befand sich der erstmalige Auftritt von Attwenger. Zeitgleich zum Finale der EM schob sich auch noch just in dem Moment eine Gewitterfront über das Gelände. Dennoch der Stimmung tat dies keinen Abbruch, und so konnte Attwenger umjubelt das Festival würdig beschließen. Bis zum nächsten Jahr, Waidhofen!


Wolfgang Taschl / CONCERTO-Magazinwww.concerto.at

 

 

Kommentar eines Insiders:
Wenn in Waidhofen an der Thaya am letzten Donnerstag im Juni die Innenstadt für den legendären „warming-up day” gesperrt wird und die ersten bunt bemalten 2 CV mit ebenso bunten Blumenkindern gemächlich in die Stadt schaukeln, dann schreiben wir nicht das Jahr 1979 (da fand das erste „Festl” statt), sondern 2012 und befinden uns am „33. Internationalen Musikfest” im oberen Waldviertel, der mit Sicherheit lässigsten, idyllischsten, ehrlichsten und „überhaupt” Musikveranstaltung unter (noch) freiem österreichischem Himmel, also Open Air, aber doch vor den Unbillen des rauhen nördlichen Klimas geschützt, da sich Bühne und Auditorium im historischen, nach zwei Seiten offenen Badhaus befinden. Und ja, die 2 CVs gibt es ebenso noch wie einen schönen Haufen Hippies.

 

Wo andernorts heutzutage nicht mal halb so große „Festivals” von kopflastigen „Intendanten” „kuratiert” (was für ein Unwort) werden, bieten die Protagonisten in „Woadhofn” seit 33 Jahren einfach ganz entspannt ein konstant gutes Programm auf sehr hohem internationalem Niveau, Festival-Gastronomie auf ebenso hohem Qualitäts-Standard (mit Porzellan-Tellern, richtigem Besteck und Gläsern!), ambitioniertes Kinderprogramm, tolles Gratis-Camping direkt im Gelände neben der Thaya, und somit genau das, wonach ein Großteil von Liebhabern guter Musik im Sommer wirklich sucht, was aber in tu felix Austria – mit wenigen weiteren Ausnahmen - unter „ausgestorben” zu führen ist. Das Publikum ist übrigens sehr gut „durchmischt”, altersmäßig finden sich im Bühnenbereich bei mehr oder weniger jeder Band Menschen von 10 bis 80 ein, darunter erstaunlich viele Jugendliche.

 

Warum funktioniert das in Waidhofen? Weil dort ALLE an einem Strang ziehen, der engagierte Folkclub seit Jahrzehnten die beste Jugend- und Nachwuchsarbeit Österreichs in Sachen Kulturvereinen betreibt, aus einem Pool von weit über hundert freiwilligen Mitarbeitern schöpfen kann, die dem Club die Stange halten und auch bei wichtigen Entscheidungen mitgestalten, und vor allem weil sich die Verantwortlichen selbst treu geblieben sind, ohne „wir sind geistige Elite, weil wir machen Kultur”-Getue.


Dietmar Haslingerwww.weltenklang.at